“Fremdes Land” von Thomas Sautner
20. Januar 2011

Thomas Sautner erzählt in “Fremdes Land” vom Leben in einem fürsorglichen, regulierungswütigen Staat. Die Hauptfigur Jack Blind (sic!) glaubt sich in seiner Funktion als Stabschef des neu ins Amt gewählten Präsidenten an den Machthebeln. Thomas Sautner lässt den Leser keine Sekunde über die wahren Mächtigen im Unklaren: Für Wirtschaft und Beamtenbürokratie ist Jack Blind ebenso wie alle anderen Politiker nur eine Spielfigur.
Durch ein auswegloses Zusammenwirken von Überwachungsmaßnahmen, Selbstzensur und konstant aufrecht gehaltener Terrorangst halten die Machthaber ihr Volk in selbstgewählter Unfreiheit, der sie mit durch die Medien zu den gewünschten Ergebnissen gelenkten Volksabstimmungen den Anstrich von Demokratie und Wahlmöglichkeit geben. Als Schreckgespenst und Feindbild für die braven Bürger müssen die Moslems und die “gefährlichen Überflüssigen” (GÜ) herhalten.
Jack Blind vertraut uneingeschränkt in die Ordnung der Dinge und lässt sich auch dann nicht erschüttern, als er im Raster der umfassenden Datenerfassung hängen bleibt und deswegen einem Verhör durch die staatliche Security unterworfen wird.
Unter den wenigen Dissidenten, die sich dem umfassenden Einfluss der staatlichen Regulierung entziehen, befindet sich Jack Blinds Schwester Gwendolyn – eine Enttäuschung für den Stabschef, der er mit missionarischem Eifer Herr werden will.
Fremdes Land ist ein Roman über eine Gesellschaft, in der heutige Diskussionsthemen wie INDECT, RFID, Vorratsdatenspeicherung, Datenschutz, Terrorangst, die Macht multinationaler Konzerne, Islamophobie und Populismus ein kleines Stück weiter extrapoliert wurden. Sautner lässt seine Figuren schablonenhaft ihre zugedachte Rolle erfüllen, zeichnet ihre voraussehbaren Gedanken mit einem breiten Pinsel und überrascht den Leser mit keiner einzigen originellen Wendung. So gerät der Roman zur Bekräftigungslektüre ohne Erkenntnisgewinn für jene, die über die Gefahren aller dieser Themen ohnehin schon Bescheid wissen.
Der Vergleich mit George Orwells “1984” liegt nahe. Aber während “1984” prophetische Qualitäten hat (“Neusprech”, “Wahrheitsministerium”), bleibt “Fremdes Land” im Rahmen des technisch Möglichen und einer Beschreibung von Zuständen, die sich aus der Kombination verschiedener Worst-Case-Szenarien von Globalisierungskritikern und Datenschützern ergeben. Das macht das beschriebene Szenario natürlich nicht weniger furchtbar, lässt aber zumindest bei mir die Reaktion “Eh schon wissen” aufkommen. Nebenbei: Den am Schutzumschlag versprochenen schwarzen Humor und die bissige Satire habe ich im Buch leider nicht gefunden.